Kinder

Mein Bewusstsein über Hochsensibilität entstand im Kontakt mit Kindern. Da war nun ein kleiner Mensch in meinem Umfeld, der die Vielfalt unserer Welt besonders intensiv zu erleben schien. Das zeigte sich einerseits in einer besonderen Aufnahmefähigkeit, in einem auffallend wachen, offenen und langanhaltendem Blickkontakt  und andererseits in heftigen Überforderungssreaktionen wie einem kaum zu beruhigendem Schreien.

Ich begann, über Empfindsamkeit und Sensibilität  zu forschen und erfuhr mehr und mehr über dieses Persönlichkeitsmerkmal. Mir erging es so wie den meisten Hochsensiblen, wenn sie zum ersten Mal auf einen Text über ihre Veranlagung stoßen: Tief beeindruckt davon, dass ich auf einmal mich selbst da wiederfand, konnte ich gar nicht mehr aufhören zu lesen.

Hochsensible Kinder sind in einer besonderen Situation. Sie sind mit ihrem hochempfindsamen Nervensystem auf die Welt gekommen. Ihre Wesensart – ihre Feinfühligkeit  – muss aber von den Erwachsenen um sie herum erst einmal wahrgenommen und  verstanden werden. Hochsensible Kinder sind auf jeden Fall eine Herausforderung für ihre Eltern. Deshalb lohnt es sich für diese sehr,  sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Das erleichtert das Leben. Die  Ressourcen der Hochsensibilität können mit ausreichendem Wissen wertgeschätzt, genutzt und gefördert werden. Da tritt viel Freude in das Leben.

Wie können Sie erkennen, ob Ihr Kind hochsensibel ist?

Eine typische Situation:  Nach einem für das Kind ereignisreichen (=reizintensiven) Tag soll es sich am Abend wie üblich die Zähne putzen, was es bereits recht unwillig angeht, und auf einmal gerät die Situation außer Kontrolle: Die neue Zahnpaste schmeckt nicht ganz genauso wie die alte! Das  Kind ist „außer sich“, was sich in einem nicht mehr zu beruhigendem Weinen und Schreien äußert. Die Eltern verstehen nicht, warum das Kind sich wegen einer kleinen Geschmacksnuance so „anstellt“ und so ein Theater veranstaltet.

Das Kind ist bereits über-reizt durch die Ereignisse des Tages. Ein weiterer Reiz     – der neue Geschmack der Zahnpasta –  kommt noch oben drauf und bringt das Fass zum Überlaufen. Was für die meisten anderen Kinder gerade noch verkraftbar ist, geht für das hochsensible Kind gar nicht mehr. In diesem Fall fehlt ihm völlig die Zeit, all die vielen Erlebnisse und Eindrücke des Tages in Ruhe zu verdauen.

Das Beispiel soll veranschaulichen, dass auch die Bewältigung scheinbar alltäglicher und einfacher Aufgaben und die Aufnahme selbst kleiner Veränderungen Überforderungen darstellen können, wenn zuvor Reize aller Art besonders intensiv erlebt wurden, es aber noch keine Zeit gab, diese zu verarbeiten.

Alle Kinder brauchen Zeit und Ruhe, um Erlebtes zu verarbeiten. Hochsensible Kinder brauchen diese Zeit ganz unbedingt, weil sie sonst aus aus der Balance geraten.

Wenn eben möglich,  sollten Überreizungen vermieden werden.

Wenn nun aber das Kind am Tage viel erlebt hat – und das betrifft natürlich nicht nur äußere Aktivitäten, sondern ganz besonders innere Prozesse –   und die Eltern sich dessen bewusst sind, dann sollten sie entsprechend behutsam und klar zugleich mit ihrem Kind sein. Für die geschilderte Situation kann das heißen, das müde Kind einfach und ruhig auf dem Arm zu seinem Bett zu tragen und für diesen Tag einmal ganz auf das Waschen und Zähneputzen zu verzichten…

Hochsensible Kinder haben feine Antennen für die Stimmung der Menschen um sie herum – ob das ihre Eltern sind, die ErzieherInnen im Kindergarten, ihre Freunde und Freundinnen, ihre LehrerInnen. Sie nehmen also auf… sortieren, verarbeiten… und reagieren darauf. Einer besonderen Verarbeitung bedarf es,  wenn sie bei den Erwachsenen etwas anderes wahrnehmen und spüren als diese in Worten ausdrücken. Und das kommt vor, nicht wahr?

Da hochsensible Kinder zudem in der Regel sehr emphatisch sind, neigen sie auch dazu, sich die Nöte der anderen auf ihre Schultern zu laden. Die sind aber zu klein!  Unruhe und auch  Schlafproblemen können damit zusammenhängen.

Aber es gibt natürlich auch wunderschöne Momente, etwa, wenn ein kleines hochsensibles Kind zu einem weinenden Spielkameraden hinkrabbelt und sich zu ihm setzt (während 3 andere Kinder wie unbeteiligt weiterspielen).

 

Wenn Sie diese Zeilen lesen und eine Hochsensibilität bei Ihrem Kind vermuten, kann es gut sein, dass Sie selbst hochsensibel sind. Da alles dafür spricht, dass ein hochsensibles Nervensystem vererbt wird, ist es fast immer so, dass mindestens ein Elternteil  dieses Persönlichkeitsmerkmal mitbringt und/oder es sich bei den Großeltern finden lässt.